Viersen-Süchteln, Hindenburgstr. 128

Gemeinschaftshauptschule Süchteln (“Kaiser-Wilhelm-Schule”)

Baujahr: 1912/13 - Bauherr: Stadt Süchteln - Architekt: Franz Bruysten, Viersen (unter Mitwirkung der Bauberatungsstellen des Rheinischen Vereins f. Kleinwohnungswesen, Arch.: Hermann Hecker, und des Kreises Kempen, Arch.: Kreisbaumeister Wilhelm Adolf Ledschbor) - Eintragung in die Denkmalliste: 31.05.2001

1910 wird in Süchteln eine Rektoratsschule eröffnet. Manchmal auch höhere Stadtschulen genannt, waren Rektoratsschulen v.a. in West- und Süddeutschland verbreitete Einrichtungen, die ihre Schüler für den Übertritt in eine höhere Lehranstalt vorbereiten sollten. Die in Süchteln zunächst provisorisch auf mehrere Gebäude verteilte Schule kann 1913 einen repräsentativen Neubau an der Hindenburgstraße beziehen und erhält den Namen “Kaiser-Wilhelm-Schule”.

Der weit außerhalb der Kernstadt gelegene und daher zunächst umstrittene Bauplatz wird der Stadt von dem Unternehmer Wilhelm Ling geschenkt, der zusätzlich auch 10.000 Mark für einen Turnhallenbau stiftet. Architekt ist der vermutlich ebenfalls von Ling vermittelte Franz Bruysten aus Viersen, dessen Entwurf aber wegen gestalterischer und funktionaler Mängel von übergeordneten Bauberatungsstellen erheblich überarbeitet wird.

Im Einweihungsjahr 1913 hat die Schule 81 Schüler, darunter 29 Auswärtige, woraus Stadt und Schule die Hoffnung ableiten, eine überörtliche Bedeutung erlangen zu können. Schon bald jedoch gefährden sinkende Schülerzahlen die Finanzierung und den Betrieb. Am 31. März 1931 wird die Rektoratsschule als städtische Einrichtung geschlossen. Durch private bzw. kirchliche Initiative der Pfarrgemeinde St.Clemens wird sie anschließend als “private höhere Knabenschule” fortgeführt. Die neue, wesentlich kleinere Privatschule zieht aber aus dem großen Schulgebäude an der Hindenburgstraße in ein kleineres in der Gartenstraße um. Die ehemalige Kaiser-Wilhelm-Schule dient fortan der Berufsschule und Teilen der katholischen Volksschule als Unterkunft. 1961-64 kommt ein großer Erweiterungsbau hinzu. Heute befindet sich hier die städtische Gemeinschaftshauptschule.

Die Formensprache des breit gelagerten Putzbaues mit Mansarddach und dem markanten Dachreiter ist an barocken Vorbildern orientiert. Die Symmetrie der Straßenfront wird aufgelöst durch einen schmalen seitlichen Eingangsrisaliten, dessen drei Geschosse von einem abgewalmten Dach überfangen werden und dem ein antikisierendes Portal vorgestellt ist. Dessen Giebelfeld schmückt eine Kartusche mit einem stilisierten Bienenkorb (symbolisch das Schulhaus als Heim fleißiger Schüler) in der Mitte, seitlich begleitet von ausgeleerten Füllhörnern. Im Gebälk unterhalb des Giebels ist in Großbuchstaben der Schriftzug Kaiser-Wilhelm-Schule angebracht (ursprünglich “pietati, virtuti, doctrinae”). Die beiden Fenster oberhalb des Portals werden von einem Rundbogen überfangen, in dessen Feld das Stadtwappen Süchtelns eingefügt ist; ursprünglich war an dieser Stelle ein Portraitmedaillon Kaiser Wilhelms II. angebracht.

Ungewöhnlich ist, dass die Klassenräume mit ihren Fenstern nach Norden (zur Rückseite hin) ausgerichtet sind. Im Innern sind vor allem der einhüftige Grundriss und das massive Treppenhaus erhalten.

Die Rektoratsschule in Süchteln ist ein anschauliches Zeugnis der repräsentativen, beinah schlossartigen Schulbauarchitektur der Kaiserzeit kurz vor den Ersten Weltkrieg. Von baugeschichtlichem Interesse ist zudem, wie sich hier anhand der erhaltenen Planunterlagen die zeitgenössische Praxis der Bauberatung nachvollziehen lässt.

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