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Vom Kettenhemd zur Wabe Erstabdruck: Denkmalpflege im Rheinland 2006, H. 4, S. 145-152. AKTUELL (5/2009): Verwaltungsgericht Düsseldorf bestätigt Rechtmäßigkeit der Eintragung der
Duisburger Kaufhof-Fassade in die Denkmalliste Text: M. Kieser Denkmalschutz für einen Kaufhaus-Kasten mit Wabenfassade? – Man kann die Kommentare z.B. in den einschlägigen Internet-Foren schon hören. Ist das jetzt der Höhepunkt einer ver(w)irrten Denkmalpflege? Auf die Spitze getriebener Werterelativismus, oder besser gleich: Werteverfall? Andererseits: Die Bauwelt berichtet in einer ihrer jüngsten Ausgaben [1] von einem Architekturwettbewerb in Dresden, der nach lautstarkem Widerstand gegen den Abriss des Centrum-Warenhauses an der Prager Straße abgehalten wurde. Anlass der Proteste: zuallererst die charakteristische Fassade des Gebäudes – im Detail zwar anders, strukturell aber ein (später) Vertreter der klassischen Kaufhauswaben. Der erste Preis des Wettbewerbes sieht denn auch ihre Wiederverwendung an einem – wohl unumgänglichen – Neubau vor! In Suhl (Thüringen) meldete die Presse im August hingegen, dass die vollständige Beseitigung der Leichtmetall-Wabenfassade des dortigen Centrum-Kaufhauses nun beschlossene Sache sei, obwohl sich auch dort energischer Protest von Bürgern und Architekturliebhabern gegen den damit verbundenen „Verlust an qualitätvoller Architektur“ erhoben hatte. [2] Zur Rettung wenigstens einiger der sämtlich für die Schrottpresse vorgesehenen Waben des Warenhauses am Alexanderplatz in Berlin gründete sich 2003 eine Initiative, deren Kaufangebote und Versteigerungsaktionen bundesweit Aufsehen und Unterstützung erregten – und über 300 Stück als symbolischer Rest vernichteter Architekturmoderne der 1960er Jahre in private Hände transferieren half. [3] Während sich bei diesen Beispielen aus den Neuen Bundesländern noch das Thema „Ostmoderne“ in die Diskussion miteinschleicht, ist aber auch im Westen die zunehmende Vernichtung dieser Architektur, die hier vor allem mit der Horten-Warenhauskette verbunden ist, nicht unbemerkt geblieben. Einige jüngere Beispiele aus Nordrhein-Westfalen: In Hamm wird derzeit Umnutzung und Total-Umbau des leerstehenden ehem. Horten-Kaufhauses am Bahnhof diskutiert. [4] An der kleinen Horten-Filliale in Kempen (Niederrhein), einer für die Familie Horten nicht ganz unwichtigen Stadt (s.u.), ist vor einigen Jahren die Wabenfassade verschwunden – kurz nachdem dem Berichterstatter von Vertretern der Stadt noch versichert worden war, man habe ein Auge darauf. Wie ein durchgreifendes Facelifting in zugegeben durchaus qualitätvoller Weise aussehen kann, lässt sich in Neuss besichtigen, wo das 1962 eröffnete Merkur-Kaufhaus (Hentrich & Petschnigg) im Jahr 2000 als Rheinisches Landestheater wiederauferstand (Umbau: Ingenhoven & Ingenhoven) – wohlwollend beachtet von der überregionalen Presse, der Vorgänger als „berühmte Eierkartonfassade“ geschmäht. [5] Schließlich ist auch in Viersen mit dem Abriss oder zumindest einem durchgreifenden Facelifting des ehemaligen Horten-Kaufhauses zu rechnen (1965, Helmut Rhode) – ein Vorhaben von beachtlicher Tragweite in einer vergleichsweise kleinen Stadt. Ob der Ruf nach dem Denkmalpfleger in der abgebildeten Glosse ernst gemeint war? Was der Schreiber nicht wusste: Der Inventarisator war tatsächlich schon dagewesen – auf Bitte der Unteren Denkmalbehörde hatte das Rheinische Amt für Denkmalpflege bereits ein Jahr zuvor ein Gutachten zum Denkmalwert des Gebäudes abgegeben, das wegen der an der Fassade erfolgten Veränderungen allerdings negativ ausgefallen war. Zuvor waren auch schon andere Kaufhäuser dieses Typs vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege „erfasst“ worden, so z.B. in Krefeld (1966-70, HPP), jedoch ohne dass bislang ein Antrag auf Unterschutzstellung erfolgt wäre.
Ehem. Merkur-Kaufhaus Duisburg Im Zusammenhang mit dem ausführlichen Viersener Gutachten geriet unweigerlich in den Blickpunkt, dass der Prototyp dieser später so sprichwörtlich gewordenen Architektur ebenfalls im Rheinland steht, und das auch noch im wesentlichen unversehrt: das ehemalige Merkur-Kaufhaus (heute Kaufhof) in Duisburg, errichtet 1958 nach Entwurf der Architekten Harald Loebermann (Nürnberg) und Helmut Rhode (Düsseldorf). [6] Das Gebäude, in der Duisburger Innenstadt an der Ecke Düsseldorfer Straße/Friedrich-Wilhelm-Straße gelegen, zeigt die übliche Zweiteilung in ein aufgelöstes Erdgeschoss und eine geschlossene, bis auf wenige Unterbrechungen ungeteilte Vorhangfassade darüber, welche die tatsächliche Geschossigkeit des kastenförmigen Aufbaus kaschiert. Das Erdgeschoss liegt etwas zurück, so dass die „Box“ darüber in der Ansicht gleichsam zu schweben scheint. Die Vorhangfassade besteht aus miteinander verklebten, gleichförmigen hellen Kunststein-Rechtecken, die – mit kleinen Abstandhaltern – versetzt zueinander angeordnet sind und jeweils auf Geschossdeckenhöhe mittels Kragsteinen mit dem ca. 40 cm dahinter liegenden eigentlichen Baukörper verbunden sind. Zusätzliche Sicherung erfolgt durch vertikale Drahtanker hinter der vorderen „Haut“. An einzelnen, frei gesetzten Stellen sind in der Vorhangfassade Fensterbänder ausgespart. Die Fassadenstruktur, im Volksmund auch als „Kettenhemd“ bezeichnet, ist bis auf obere und untere Abschlussbänder und die dünnen Rahmungen der wenigen Fensterausschnitte ohne weitere horizontale oder vertikale Unterteilung (auch nicht an den Gebäudekanten) gehalten und besitzt daher ausgesprochen großflächigen Charakter. Optische Wirkung und funktionale Begründung dieser Gestaltung werden in der zeitgenössischen Baubeschreibung treffend charakterisiert: „Vor die eigentliche Front des Kaufhauses wird eine durchbrochene Fassadenhaut aus Kunststeinen gelegt. Es wird hierdurch erreicht, daß ein klarer Baukörper gebildet wird, und daß hinter der durchbrochenen Fassade die Fenster des Kaufhauses nach den Bedürfnissen der inneren Nutzung eingebaut werden können.“ Ein Indiz dafür, dass es sich um eine bautechnisch innovative und ungewöhnliche Lösung handelte, ist die Tatsache, dass das Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg vor Genehmigung von den Architekten noch eine Detailbeschreibung der vorgesehenen Technik anforderte, und dass offenbar im Vorfeld diverse Gutachten hierzu angefertigt werden mussten.
Der Kaufhauskonzern von Helmut Horten Duisburg war das Zentrum sowohl der gesellschaftlichen als auch der unternehmerischen Aktivitäten Helmut Hortens. [7] Hier erwarb er 1936 sein erstes Kaufhaus, und 1948-50 ließ er inmitten der schwer zerstörten Stadt am Niederrhein auch den ersten deutschen Kaufhaus-Neubau nach dem Krieg errichten – das von Kurt Conle, Friedrich Boeke und später Emil Fahrenkamp gestaltete Gebäude an der Königstraße, zuletzt eine Karstadt-Filliale, wurde Anfang 2006 abgebrochen. [8] Die Kaufmannsfamilie Horten ist seit 1710 in Kempen (Niederrhein) nachweisbar. [9] Helmut Horten (1909-1987) entstammte einem Juristen- und Beamtenzweig der Familie. Er selbst erhielt im Tietz-Warenhaus Düsseldorf eine Ausbildung zum Textilkaufmann und erwarb 1936 sein erstes eigenes Kaufhaus, das Kaufhaus Alsberg in Duisburg – wie die weiteren, die in rascher Folge hinzu kamen, zwangsweise aufgegebener bzw. „arisierter“ jüdischer Besitz. Durch Kriegszerstörungen und Verluste im ehemaligen Ostdeutschland zunächst schwer getroffen, begann mit der Duisburger Neueröffnung 1950 die beispielhafte Nachkriegskarriere Hortens. 1953 erwarb er die Mehrheit an der in den 1930er Jahren enteigneten, nach 1945 aber vorübergehend wieder in Besitz der (jüdischen) Familie Schocken befindlichen „Merkur“-Kaufhauskette. Ein Jahr später kam die DEFAKA-Kette von Jakob Michael, einem ebenfalls jüdischen, nach Amerika ausgewanderten Unternehmer, hinzu. Zahlreiche Zweigniederlassungen, mit einem Schwerpunkt zunächst in zentralen Orten am Niederrhein, ließen die Helmut-Horten-GmbH zum zeitweilig viertgrößten Kaufhauskonzern in Deutschland (hinter Kaufhof, Hertie und Karstadt) wachsen: Ende der 50er Jahre existierten je 22 DEFAKA und Merkur-Kaufhäuser unter ihrem Dach (später alle schrittweise in Horten umbenannt). 1969 wurde der Konzern in eine AG umgewandelt; Helmut Horten verkaufte seine Anteile bereits bis 1972 an ein Bankenkonsortium und zog sich in die Schweiz zurück. Schon zu Lebzeiten war die exemplarische Unternehmergestalt Horten mehr als umstritten – vor allem die Tatsache, dass Konzern und Reichtum im Grunde zweimal – sowohl unter NS-Regime als auch in der jungen Bundesrepublik – wesentlich auf der Übernahme jüdischen Besitzes gründeten. Horten wurde so zum Symbol der Schattenseiten von deutscher Politik und „Wirtschaftswunder“ im 20. Jahrhundert. Die Horten-Kette galt zu ihren Hoch-Zeiten vor allem als dynamisch und innovationsfreudig, was sich z.B. im konsequenten Streben nach Markenidentität durch Design und Architektur ausdrückte. Die „Wabe“ wurde nicht nur das Logo des Hauses, sondern ganz allgemein standen die charakteristischen Horten-Häuser lange Jahre als – bewundertes und geschmähtes – Synonym für die „Kaufhauskiste“ mit vorgehängter, geschlossener Waben- oder Gitterwerk-Fassade. Und das Kaufhaus an der Düsseldorfer Straße in Duisburg, das Horten für seine neue, von Schocken erworbene Marke „Merkur“ errichten ließ, nachdem das Haus an der Königstraße 1955 an den Karstadt-Konzern verkauft worden war, war deutschlandweit der Prototyp dieses Gebäudetyps.
Kettenhemd und Wabe Architekturgeschichtliche Darstellungen der Kaufhausgeschichte konzentrieren sich häufig auf die Anfänge (z.B. der berühmte Schinkel-Entwurf von 1827) bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts. Kennzeichnend für diese Phase ist der zumeist repräsentative und ästhetisch unmittelbar ansprechende Charakter dieser Gebäude, oft palastartig prachtvoll und aufwändig dekoriert, verbunden mit neuartigen, jedoch überwiegend im Inneren verborgenen bautechnischen Lösungen (z.B. frühe Skelettkonstruktionen; Eisen und Glas als Baumaterialien in Galerien und Hallen u.ä.). Nach dem Zweiten Weltkrieg findet in dieser Hinsicht eine bezeichnende Veränderung statt. Zwar kann z.T. weiterhin von durchaus innovativen bautechnischen Lösungen gesprochen werden (z.B. bei der Vorhangfassade), die maßgebliche gestalterische Entwicklung bewegt sich aber weg von Repräsentationsbauten hin zu funktionalistischen Entwürfen, welche die betriebstechnischen Erfordernisse des Bautyps innen wie außen weitergeben – mit zwischen Radikalität und Banalität pendelnder Haltung: die sprichwörtliche Warenhaus-„Kiste“. Ab 1950 gab es in Deutschland wieder Kaufhaus-Neubauten durch rasch wieder kapitalkräftige Konzerne. Innerhalb der wiederaufgebauten Innenstädte wurden die Kauf- und Warenhäuser mit ihrem umfassenden Warenangebot zum Symbol des Wirtschaftswunders. Gestalterisch waren die ersten Jahre noch unentschieden und man bediente sich verschiedener Formensprachen, von traditionalistisch (konventionell gegliederte Natursteinfassaden) bis funktionalistisch-modern (Skelett-Konstruktionen mit Rasterfassade). In den zeitgenössischen Architekturzeitschriften werden Kauf- und Warenhäuser ab Mitte der 1950er Jahre vermehrt behandelt, als sich mit der „curtain wall“ eine neue eigenständige Ikonographie herauszubilden begann. Für eine kurze Zeit waren es Konstruktionen aus horizontalen Fenster-/Brüstungsbändern, die das Erscheinungsbild bestimmten: Berühmt wurde die von der Kaufhof-Bauabteilung (Hermann Wunderlich u. Reinhold Klüser) entwickelte Aluminium/Glas-Rasterfassade in unterschiedlichen Grüntönen, die zum Markenzeichen der Häuser dieses Konzerns wurde. Fassaden dieses Typs sind inzwischen als wichtige architektonische Zeugnisse ihrer Zeit erkannt und stehen auch bereits unter Denkmalschutz. Während sowohl konstruktive Rasterfassaden als auch curtain walls mit Fenster-/Brüstung-Schema noch einer vertrauten Auffassung von Fassadengestaltung entsprachen, die die großen Volumina der Gebäude zu mildern versuchte, entstand gegen Ende der 1950er Jahre aus der Kombination der Möglichkeiten der curtain wall und den funktionalen Gegebenheiten des Kauf- und Warenhauses eine neue, gewissermaßen konsequent radikalisierte Formensprache: die teppichmusterartig ornamentierte Vorhangfassade (fast) ohne Fensteröffnungen, die zumindest in den Obergeschossen ohne sichtbare Geschoss- oder Stützenrasterteilungen auskam. Das Warenhaus wurde damit monumentalisiert, auf eine funktionale Urform mit zugleich hohem Signal- und Wiedererkennungswert zurückgeführt. Die dahinterstehenden funktionalistischen Überlegungen schilderte die Bauwelt 1958 so: „Im vorigen Jahrhundert ordnete man in großen Warenhäusern einen zentralen Lichthof an, um die Verkaufsräume ausreichend zu beleuchten. Der dadurch entstandene Verlust an Verkaufsfläche in den oberen Geschossen war aber verhältnismäßig groß, so daß man später auf unwirtschaftliche Lichthöfe verzichtete, um die große Fläche der Obergeschosse besser zum Verkauf nutzen zu können. Vollkommen verglaste Außenwände brachten aber für den inneren Betrieb des Kaufhauses erhebliche Nachteile. Ein Kaufhaus mit seinen großen ungeteilten Räumen hat nur wenige Wandflächen. Diese Wände sind aber für die Aufstellung von Schränken und Regalen sehr wichtig. Bei der Ausdehnung des Grundrisses großer Warenhäuser reichte die natürliche Belichtung selbst bei ganz in Glas aufgelösten Fassaden für die tiefen Räume nicht aus. Muß man aber die Verkaufsräume künstlich belichten, so kann man auch an den wertvollen Frontwänden Regale aufstellen. (...) In künstlich belichteten Verkaufsräumen ist man von den Zufälligkeiten des Tageslichts (...) unabhängig. Außerdem lassen sich Heizung und Lüftung in einem geschlossenen Bau leichter regeln.“ [10] Nach Vorläufern in den USA war ein viel publiziertes und beachtetes Vorbild das Kaufhaus Bienenkorb in Rotterdam (1957, Architekten: Marcel Breuer, A. Elzas, D. Schwartzman; New York/Amsterdam): ein Kubus, dessen Travertinfassade in den Obergeschossen nur durch kleine Schlitzfenster geöffnet wurde und ansonsten ein ornamentales Bienenwabenmuster trug. Beim Merkur-Kaufhaus in Duisburg handelt es sich zwar noch um ein in der Tat kettenhemdartiges Gitterwerk aus kleinen rechteckigen, versetzt zueinander angeordneten Kunststeinrahmen, trotzdem müssen seine Architekten Harald Loebermann [11] und vor allem Helmut Rhode [12] als die „Erfinder“ der sprichwörtlichen Horten-Fassade gelten. Egon Eiermann besorgte dann bei seinen Entwürfen für die Horten- bzw. Merkur-Häuser in Heidelberg und Stuttgart (1959) die Verfeinerung des Entwurfgedankens in Form von stilisierten „H“-Keramikelementen. Während der Duisburger Bau in der überregionalen Publizistik nicht wahrgenommen wurde – erst die Dissertation von Thomas Irrgang 1980 und der darauf basierende Artikel von Falk Jäger in der Deutschen Bauzeitung 1980 haben seine architekturgeschichtliche Bedeutung aufgezeigt – gab es um die Heidelberger und vor allem die Stuttgarter Planungen Eiermanns heftige Diskussionen. In Stuttgart musste nämlich zugunsten der Kaufhaus-„Kiste“ das berühmte Schocken-Kaufhaus von Erich Mendelsohn beseitigt werden. [13] Auch wenn die denkmalpflegerische Problematik des Mendelsohn-Abrisses in Stuttgart in diesem Zusammenhang ohne Belang ist, ist hier schon angelegt, was in der Folgezeit bei der Beurteilung dieser Kaufhausarchitektur immer auch eine Rolle spielte: die Meinung, dass es sich hierbei um ein maßstabs- und gestaltloses Niedergangsphänomen der Baukultur handele („Das Kaufhaus Schocken in Stuttgart, das den Zweiten Weltkrieg wie durch ein Wunder überstanden hat, aber 1960 abgerissen und durch ein Betonwaben-Monstrum von geradezu bösartiger Hässlichkeit ersetzt wurde, ...“; Gottfried Knapp in der Süddeutschen Zeitung v. 16.02.2000). Zwar gab es um 1960 gerade in Fachkreisen viele Verteidiger dieser radikalen funktionalistischen Idee, doch hinzu kam, dass Bauten dieser Art oft bewusst rücksichtslos in vorhandene Altstadt- oder Altbaustrukturen hineingestellt wurden. Der architektonische und städtebauliche Zeitgeist bot hierfür noch eine breite Grundlage – auch wenn die Bauwelt schon 1961 fragte, ob dies noch etwas mit „Baukunst“ zu tun habe. [14] Nur vereinzelt regten sich grundsätzliche Bedenken – so in Münster, als dort 1962 ebenfalls eine Horten-Wabenfassade in der wiederaufgebauten Altstadt errichtet werden sollte (Entwurf: Hentrich & Petschnigg). Nicht selten heftige Auseinandersetzungen folgten in vielen anderen Städten: Diskussionen, die heute schon wieder Teil einer Geschichte der Stadtplanung und der städtebaulichen Denkmalpflege sind. Die Kaufhauskonzerne gingen teilweise dazu über, Fassaden und Baukörper wieder zu untergliedern. Doch schon 1962 bemerkte Helmut Hentrich dazu, dass das schlichte Hinzufügen einiger vertikaler oder horizontaler Streifen innerhalb der Hortenfassade das Problem nicht löse und zudem zu architektonisch schlechteren Lösungen führe als das wenigstens „ehrliche“ Grundmodell. [15] Architekturkritiker stellten in den 1970er/80er Jahren fest, dass Kompromiss-Lösungen wie z.B. das signethafte Anbringen einer kleinen Waben-Fläche an einer ansonsten „angepassten“, natursteinernen Fassade schlechter und lächerlicher seien als das radikale Original. Und Falk Jäger schildert 1980 in der Deutschen Bauzeitung süffisant das Beispiel des damaligen Horten-Neubaus in Andernach, wo der Konzern eine solche Kompromiss-Fassade bauen wollte, die Stadt selbst aber auf einer großflächigen Wabenfassade bestand und diese auch durchsetzte (noch dazu an einem Bau, der außer als Kaufhaus auch als Rathaus der Stadt dient!). Als Gegenstand der Architekturgeschichte sind nach 1945 entstandene Kaufhausbauten und das Duisburger Merkur-Gebäude inzwischen fast selbstverständlich. [16] Eine dezidiert abschätzige Stimme wie die von Wolfgang Pehnt in seinem jüngsten Standardwerk zur Architektur in Deutschland seit 1900 ist fast schon die Ausnahme: „Im Westen hielten strukturierte Keramik- oder Kunststoffelemente Einzug, seitdem Egon Eiermann und andere Architekten sich nicht zu schade gewesen waren, für die Warenhauskette Merkur/Horten diese flirrenden, bald aber langweilenden Kunststoffhäute zu entwerfen. Der Konzern nutzte sie als leicht erkennbares Markensignet im Stadtbild. Früheste Horten-Filiale scheint das Kaufhaus Merkur in Duisburg (1958) von Harald Loebermann und Helmut Rhode gewesen zu sein.“ [17] Diese noch stark antikapitalistisch-kulturkritisch bestimmte (und sachlich etwas schwammige) Bewertung Pehnts kann stellvertretend für ältere Meinungen stehen, die außer acht lässt, dass diese funktional sowie warenästhetisch verdichtete Architektur inzwischen differenziertere Beurteilungen erfährt, wie nicht zuletzt die erwähnten Anti-Abriss-Initiativen zeigen. Auch die jüngsten Ausstellungen zur deutschen Architekturgeschichte im 20. Jahrhunderte gaben diesem Bautyp entsprechenden Raum. Vielleicht würde es sich sogar lohnen, Beziehungen zu gleichzeitigen Tendenzen in der Bildenden Kunst (Zero, Op Art) oder im Design zu untersuchen, sei es im Sinne tatsächlicher Bezugnahme, vielleicht eher jedoch in Bezug auf allgemeinere Zeitgeist-Tendenzen. Am Rande sei erwähnt, dass auch funktional ähnlich gelagerte Kulturbauten wie z.B. Museen öfter das gleiche Prinzip eines streng kubischen Baukörpers mit in Fenstern aufgelöstem, zurück versetzten Erdgeschoss und einer vollständig geschlossenen „Box“ darüber (eventuell durch Materialwahl oder Ornament gestaltet) verwendeten. Ein frühes, mit dem Kaufhaus Merkur etwa zeitgleiches Beispiel ist der – denkmalgeschützte – Erweiterungsbau des Kestner-Museums in Hannover (1958-61), und auch die (abgerissene) Kunsthalle und das Römisch-Germanische-Museum in Köln können als jüngere Bauten der 1960er Jahre angeführt werden.
Zukunft? Nach den großen „Kaufhauspalästen“ der 1910er und 1920er Jahre können die 1950er Jahre als weitere Innovationsperiode des Kauf- und Warenhauses in Deutschland bezeichnet werden. Alte und neue Unternehmen, z.T. aus enteignetem jüdischen Besitz erwachsen oder wiedererstanden, überzogen große und auch kleinere Städte mit ihren Filialen. Vor allem die Horten-Häuser mit ihren charakteristischen Fassaden, ein prägnantes Beispiel für moderne „corporate identity“ in der Architektur, sind „zu einem Signum des in Erfüllung gegangenen deutschen Wirtschaftswunders“ (Michael Mönninger) [18] geworden, da sie die unerwartet schnell gewachsene Massen-Kaufkraft, zunächst in der Bundesrepublik, später auch in der DDR repräsentierten. Inzwischen gilt jedoch die prägende Zeit des Kaufhauses selbst in Großstädten als weitgehend beendet, sind Einzelhandels-Discounter einerseits, Einkaufszentren neuen Typs andererseits an seine Stelle getreten. Bezeichnenderweise ist im letzten Jahrzehnt eine Fülle von Studien und Artikeln erschienen, die sich dem Kaufhaus als wirtschafts- und kulturgeschichtlichem Phänomen und Symbol widmen. In Duisburg lässt sich vielleicht beides bald nebeneinander studieren: ganz in der Nähe des „Altbaus“ Merkur/Kaufhof entsteht, an Stelle u.a. des abgerissenen ersten Horten-/Karstadt-Gebäudes, gerade das „Forum“ als neues innerstädtisches Einkaufszentrum.
Literaturauswahl z. Geschichte und Architektur von Kaufhäusern (nach 1945) Bauwelt 1958 Heft 15, Themenheft Kaufhäuser, darin S.340-343: Der „Bijenkorf“ in Rotterdam. Anmerkungen 1) Bauwelt 2006 H. 28/29, S. 6. – vgl. FAZ 15.12.2005 sowie: www.centrum-warenhaus-dresden.de / www.das-neue-dresden.de/centrum-warenhaus.html |
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