Dülken, Katholische Pfarrkirche Herz-Jesu

Text aus: Denkmäler in der Stadt Viersen, Website der Stadt Viersen (www.viersen.de)
Denkmal-Gutachten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege, 07.12.1998 (M. Kieser)

Lage und Geschichte
1927 wurde ein eigener Seelsorgebezirk Dülken-Nord von der Dülkener Hauptpfarre St. Cornelius abgetrennt. Vier Jahre später wurde eine zu diesem Zweck erworbene Lagerhalle zu einer ersten (Not-) Kirche umgebaut und benediziert, die jedoch am 24. Februar 1945 durch einen Bombenangriff schon wieder zerstört wurde. 1952 erfolgte die Pfarrerhebung des Bezirks. Die in den Bauunterlagen der Stadt erhaltenen Pläne zum Neubau einer Kirche datieren vom März und in der abgeänderten endgültigen Fassung vom April 1953. Der Neubau an neuem Standort, an der Süchtelner (heute: Brabanter) Straße / Ecke Lindenallee (heute: Kreyenbergstraße), wurde am 31. Oktober 1954 geweiht. Architekt war der Aachener Oberregierungs- und -baurat Karl Schlüter.

Beschreibung
Die Herz-Jesu-Kirche entfaltet sich (nicht geostet) parallel zur Hauptverkehrsstraße, hinter einer Grünfläche zurückgesetzt. Der Eingang befindet sich an der Schmalseite zur Nebenstraße hin, von der sie heute durch später errichtete Gemeindebauten getrennt ist.

Das sichtbar belassene konstruktive Gefüge besteht aus einem weiß gefassten Stahlbetonskelett mit einer Backsteinausfachung. Markante Dachform und ein mächtiger freistehender Turm prägen das Erscheinungsbild des auf einfach rechteckigem Grundriss errichteten Baues. Stahlbetontonnen, quer zur Traufrichtung über jedem Joch, bilden ein wellenförmiges Dach aus insgesamt sieben Bögen, welches an seinen Enden in zusätzlichen Halbbögen ausläuft. Da die dünnen Bogenschalen ohne horizontale Trennlinie direkt auf den Ständern des Stahlbetonskeletts aufsitzen, ergibt sich optisch eine Aneinanderreihung von sieben schlanken hochrechteckigen Elementen, von denen jedes zweite zu zwei Dritteln, im Chorbereich sogar bis fast auf den Boden in ein (Stahl-) Fenster aufgelöst ist. Diese betonte Vertikalität kontrastiert die gedrungen lagernde Grundform des Gebäudes.

Hinzu tritt ein vor die Eingangsfassade, jedoch aus der Mittelachse versetzt gestellter Turm auf quadratischem Grundriss mit Flachdach. In seinen unteren Geschossen (1.-3. Obergeschoss) ist er durchfenstert, da sich hier Tageskapelle und die Räume eines Jugendheimes befanden bzw. befinden. Das obere Geschoss mit dem Glockenstuhl (Stahlstuhl, noch aus der Erbauungszeit) war ursprünglich offen, ist heute jedoch mit Schallarkaden geschlossen. Die von einem auskragenden Halbbogen auf dünner Rundstütze überfangene Eingangsfassade besitzt drei nebeneinander flächig in der Wand liegende Eingangsportale mit einem Rundfenster darüber.

Der Kirchenraum ist einschiffig und endet mit einer leicht gekrümmten, optisch gerade wirkenden Chorwand. Die ursprüngliche Chorgestaltung wurde nach den Liturgiereformen der 1960er Jahre verändert (herabgezont; Altar von der Wand abgerückt). Erhalten blieb aber die insgesamt bewusst nüchtern-schlichte Raumgestaltung mit frontal auf den Altar ausgerichteten Bankreihen, in der die Ausstattungselemente umso deutlicher zum Ausdruck kommen: Kruzifix (Josef Krautwald; vom selben Künstler auch die modernen Passionstafeln), Fenster (Wilhelm Geyer) aus der Erbauungszeit bzw. unmittelbar darauf, ebenso Lesepult und Tabernakel; Altarkreuz und Tabernakel der ehem. Kapelle von Hein Minkenberg. Die bemerkenswerte Anlage einer frei in den Raum eingestellten und vorkragenden Orgelempore ist heute durch die Abtrennung einer Vorhalle verunklärt.

Neben dem Kirchenraum finden sich niedrige seitliche Annexräume auf der rückwärtigen Seite: Neben dem Chor war ursprünglich die Sakristei, die später in ihrem vorderen Bereich zur Werktagskirche umgebaut und zum Kirchenraum geöffnet wurde, mit dem später entstandenen, benachbarten Altenheim räumlich verbunden. Die Sakristei dehnte sich dafür zusätzlich in den Raum der ursprünglich vorhandenen Bücherei aus.

Der Architekt
Karl Schlüter war Oberregierungs- und -baurat in Aachen. Die Herz-Jesu-Kirche in Dülken ist sein prominentester Kirchenbau; im Bistum Aachen zeichnete er außerdem für den Wiederaufbau von St. Nikolaus, St. Peter und St. Foillan (teilweise), alle in Aachen, verantwortlich (1948-51). Für das staatliche Bauamt plante er einige wichtige Bauten für die RWTH in Aachen, von denen neben dem Bauingenieurgebäude (Schinkelstraße; 1949/50) vor allem das zentrale Große Hörsaalgebäude an der Wüllnerstraße (1950-54) bekannt und überregional beachtet wurde.

Architekturgeschichtliche Einordnung
In den Bauakten der Stadt Viersen ist eine Notiz über die Bauausschusssitzung der Stadt Dülken am 18.3.1953 erhalten, wonach der Stadtbaumeister dem Ausschuss berichtet habe "von einem Bauantrag für die Errichtung einer neuen Kirche, die s.E. in einer sehr eigenwilligen Form gehalten sei". Ein ebenda erhaltener Zeitungsbericht (ohne Datum, vermutlich 1951) erkannte in dem Entwurf "eine echt sakrale Weihe und eine feine Anpassung an die Landschaft in wohlausgewogener Weise mit den Stilformen und den technischen Gegebenheiten der modernen Baukunst (...) Man kann heute schon sagen, dass diese Kirche nach ihrer Vollendung Dülken um ein architektonisches Schmuckstück bereichert."

Es war also die markante Gestalt, die schon den Zeitgenossen auffiel und die Kirche auch heute noch zu einem Blickfang an einer wichtigen Ausfallstraße Dülkens macht.

Dabei ist zum einen die Anordnung der Baukörper aus einem langgestreckten, breit gelagerten "kastenförmigen" Hauptschiff und einem (ungewöhnlich großen) freistehenden Glockenturm zu nennen, von der Straße zwar abgerückt, hinter einer Grünfläche aber dennoch frei zu sehen. Diese Komposition einschließlich einer bewussten Schlichtheit oder auch "Strenge" sowohl des Innenraums als auch des Außenbaus entspricht verbreiteten Tendenzen des Kirchenbaus der fünfziger Jahre, ebenso die Einbeziehung z.B. des Chors und weiterer "Teilräume" in die Großform. Nicht zuletzt verdankt sich diese Komposition dem Streben, auch im Kirchenbau eine den "neuen" Baumaterialien Stahlbeton und Glas eine entsprechende Gestalt- und Raumform zu verwirklichen. Zeittypisch ist die Beiordnung eines "Campanile" zu diesem kubischen Hauptbaukörper, als weithin sichtbares "Zeichen" des Kirchengebäudes; bemerkenswert und erst in den sechziger Jahren stärker verbreitet ist allerdings die Unterbringung von Gemeinderäumen wie hier dem Jugendheim in den Turmgeschossen.

Das herausragende gestalterische Merkmal der Herz-Jesu-Kirche ist aber die Deckengestaltung aus aneinandergereihten halbkreisförmigen Betonschalen, die in der Seitenansicht, wie sie sich z.B. von der Straße aus bietet, ein wellenförmiges Motiv ergibt. Auch hier steht die Herz-Jesu-Kirche in der Tradition des Kirchenbaus der fünfziger Jahre: "Die Gestaltung der Decken geriet in der Mitte der fünfziger Jahre wieder zu einem wichtigen architektonischen Anliegen (...). Wesentliche Impulse gingen von der Entwicklung des Schalenbetons aus, in der die dem Material Beton eigentümliche Fähigkeit des beliebig gestaltbaren, freigespannten Tragens zur vollen Entfaltung gebracht wurde." (Kahle, Seite 87).

Unverkennbar ist dabei die Anlehnung der Herz-Jesu-Kirche an die 1948-53 errichtete Kirche St. Martinus in Aldenhoven von Alfons Leitl, sowohl hinsichtlich der Dachgestaltung als auch z.B. der vollflächigen Verglasung der Außenwände, im Chorbereich bis fast zum Boden. Leitls ähnlicher Entwurf für den Wiederaufbau der Propsteikirche in Jülich ist hier ebenfalls zu nennen. Da beide Kirchen im Bistum Aachen liegen, kann die Kenntnis dieser Entwürfe bei Schlüter als sicher angenommen werden. Anders als Leitl reduzierte er in Dülken die Großformen aber konsequent auf ihre kubischen Grundmuster, wohingegen Leitl z.B. in Aldenhoven eine traditionelle Doppelturmfassade entwarf und deren oberen Abschluss dann auch noch als (wenn auch leicht abstrahierte) Turmhelme ausgestaltete. Als weitere Kirche mit "wellenförmigem" Dachabschluss jener Zeit muss schließlich St. Sebastian in Aachen (Auf dem Hörn), ebenfalls von Leitl, genant werden, wobei hier das Wellenband stärker ornamental wirkt (Spitzname der Kirche: "St. Ondula"), da es auf dem Gebäudekörper eher aufzuliegen scheint anstatt aus dem konstruktiven Gerüst beinah "nahtlos" hervorzugehen, wie es am stringentesten wiederum in Dülken ausformuliert ist, wo die Betonschalen tatsächlich die Dachhaut tragen.

Im Innenraum der Herz-Jesu-Kirche besticht trotz aller inzwischen erfolgter Veränderungen auch heute noch die strenge Schlichtheit der Raumgestalt, die gerade auch in ihrer Wirkung hinsichtlich der Vermittlung der Glaubensinhalte an die Gemeinde in der Art und Weise zum Ausdruck kommt, wie das große Kruzifix vor der großen, ansonsten schmucklosen Chorrückwand zur Geltung kommt. Diese "Kargheit als Instrument der Vergewisserung" (Karin Keydecker) nach Nationalsozialismus und Kriegsende ist ein eminent ausdrucksstarkes, heute aus verschiedenen Gründen gefährdetes Element der Architektur der frühen fünfziger Jahre. Im Kirchenbau, wo sie zudem auch schon in den zwanziger Jahren anzutreffen ist (vgl. aus dem Bistum Aachen: Fron-leichnamskirche in Aachen von Rudolf Schwarz), war sie zudem Sinnbild einer Konzentration auf "das Wesentliche" in der Zelebration der Messe in der Gemeinde, wie sie die einflussreiche "liturgische Bewegung" um Romano Guardini vertrat.

Denkmalwert
Als anschaulich erhaltenes Zeugnis der Religionsausübung im Dülkener Norden von bemerkenswerter gestalterischer Qualität ist die Herz-Jesu-Kirche in Dülken bedeutend für die Geschichte des Menschen und die Stadt Viersen. An ihrer Erhaltung und Nutzung besteht ein öffentliches Interesse aus wissenschaftlichen, insbesondere religions- und architekturgeschichtlichen Gründen, da es sich um ein wichtiges, im wesentlichen gut erhaltenes Zeugnis der Kirchenbauarchitektur der fünfziger Jahre handelt. Sie verkörpert jene Richtung, die auch im Kirchenbau nach einer konsequenten formalen Umsetzung der konstruktiven Möglichkeiten der Stahlbetonskelettkonstruktion und des neuartigen Schalbetons suchten. Insbesondere die bemerkenswerte Dach- bzw. Deckengestaltung, die mit den bekannten Bauten Alfons Leitls in Aldenhoven und Aachen zu vergleichen ist, hebt die Kirche deutlich aus ähnlichen Bauten heraus. Die strenge Sachlichkeit von Außenbau wie Innenraum entsprach formal der Architekturmoderne, lag aber auch in den zeitgenössischen Gedanken der liturgischen Bewegung begründet. Liturgische Kunstwerke und die Fenster sind als integrale Bestandteile des Raumkonzepts anzusehen. Ein öffentliches Interesse an Erhaltung und Nutzung besteht ferner aus städtebaulichen Gründen, da die Herz-Jesu-Kirche in ihrer Disposition entlang einer wichtigen Ausfallstraße und mit ihrem weithin sichtbaren Turm einen markanten Blickfang bildet und ihre Umgebung positiv prägt.

Die Herz-Jesu-Kirche in Dülken ist bedeutend für die Geschichte des Menschen und die Stadt Viersen. An ihrer Erhaltung und Nutzung besteht ein öffentliches Interesse aus wissenschaftlichen, insbesondere religions- und architekturgeschichtlichen sowie städtebaulichen Gründen. Sie ist daher ein Baudenkmal gemäß § 2 Denkmalschutzgesetz NW.

Quellen und Literatur
Bauakte der Stadt Viersen
Felix Kreusch: Neue Kirchen im Bistum Aachen 1930-1960. Mönchengladbach 1961Barbara Kahle: Rheinische Kirchen des 20. Jahrhunderts. Köln 1985 ( = Arbeitsheft Landeskonservator Rheinland 39).
Handbuch des Bistums Aachen. 3. Ausgabe, Aachen 1994, Seite904f.
Johannes Busmann: Die revidierte Moderne. der Architekt Alfons Leitl 1909-1975. Wuppertal 1995 (Diss. Wuppertal 1993).
Karin Leydecker: Kargheit als Instrument der Vergewisserung? In: Kunst und Kirche 1998/4 (Themenheft "Die 50er Jahre - Halbzeit der Moderne"), Seite 204-206.

 

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