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Heimatschutz und Baugestaltung - eine Skizze (Fortsetzung) Eine andere jugendbezogene Bauaufgabe der Nachkriegszeit waren die Jugendherbergen. Ohnehin dem Heimatschutz aufgrund der gemeinsamen Wurzeln in der Reformbewegung der Jahrhundertwende verbunden und im Ziel der Vermittlung von Heimat durch ein direktes In-Beziehung-setzen von Architektur und Landschaft gleichgesinnt, war es selbstverständlich, daß die jeweils aktuellen Gestaltungsvorstellungen der Heimatschutzarchitektur hier wie in einem Musterbuch zur Anwendung kamen. Auch im Rheinland hatte sich dies in den Dreißiger Jahren noch einmal verfestigt, als eine ganze Reihe von Neubauten entstanden, deren Architekten auch nach 1945 wieder Jugendherbergen wiederauf- und neu bauten, etwas weniger plakativ bodenständig als zuvor, aber eindeutig das „landschaftsgebundene Bauen" so bruchlos und selbstbewußt wie nirgends sonst fortführend. Erst bei der Errichtung der Jugendherberge auf dem Bonner Venusberg, bei der, da sie gleichzeitig Jugendgästehaus des Bundestages sein sollte, das Jugendherbergswerk widerwillig einen vom Bundestag favorisierten avantgardistischen Entwurf ausführen mußte, wurden dessen zum Teil noch aus den Anfängen der Bewegung stammenden Funktionäre damit konfrontiert, daß inzwischen das Thema Jugend mit einer ganz anderen Architektur verbunden wurde. Die sich um den Bau der Bonner Hauses mehrere Jahre hinziehende Kontroverse innerhalb und außerhalb des Jugendherbergswesens beendete hier eine noch unberührt gebliebene Tradition. Den danach errichteten Häusern ist das nicht immer geglückte Bemühen, sich behutsam und dennoch deutlich vom „landschaftsgebundenen Bauen" zu lösen, gemeinsam, zumal Änderungen im Selbstverständnis der Jugendherbergen, weg von der einfachen Wandererherberge mit pädagogischem Anspruch, hin zum hotelähnlichen Angebot, hinzukamen, was ebenfalls auf Gestaltung und Raumprogramm Einfluß haben mußte.
Die vierte große Gruppe von Bauaufgaben schließlich, in der der Heimatbegriff nach 1945 noch einmal eine richtungsweisende Leitbildfunktion innehatte, war der Wohnungsbau. Gerade im öffentlich geförderten Siedlungswesen umschrieb er seit langem jene Verwurzelungsmetapher, in der den „Entwurzelten" der Moderne eine „Heimstatt" gegeben und damit letztlich der soziale Frieden gewährleistet werden sollte. Er war derart allgemeiner selbstverständlicher Bestandteil jedweder Siedlungs- und Wohnungsbauförderungspolitik, daß es schwerfällt, einen spezifischen Beitrag der eigentlichen Heimatschutzbewegung auszumachen. Und doch läßt sich dieser in einer gerade nach 1945 zum Tragen kommenden Ausprägung benennen.
Der Heimatbegriff war inhaltlich offen und damit vielseitig interpretierbar und auch potentiell wandlungsfähig. In der Architektur wie anderswo diente er primär dazu, Defizite einer als ungeordnet und überstürzt empfundenen Modernisierung zu artikulieren und zu kompensieren. Ihn im Nachhinein lediglich mit der plakativen Verwendung einiger volkstümlicher oder regionaler Motive am Bau (die sprichwörtliche Vorortvilla im „Schweizerhausstil") zu identifizieren, ist das Ergebnis gründlicher Verdrängung im historischen Bewußtsein deutscher Architektur und Architekturgeschichte, das lange Jahre nur die Fortschritts- und Erfolgsgeschichte der funktionalistischen Moderne rezipierte und wiedergab. Dabei wird nicht nur die ehemals zentrale Rolle des Heimatbegriffs in der traditionalistischen Architektur übersehen, der dabei auch mit anderen Werten (Familie, Landschaftsbindung, örtliche Identität, Kindgerechtigkeit) synonym gesetzt wurde. Es gilt auch die formale Entwicklung und Bandbreite der vom Heimatschutz vertretenen Architektur zu bedenken; von ihren regionalistischen Anfängen bis hin zu einem neusachlichen Traditionalismus, dessen Grenzen zum Funktionalismus nicht nur im Formalen durchaus fließender waren als die hitzige, politisierte Architekturdebatte der Zwanziger Jahre es vorgab. Erst die Kompromittierung durch den Nationalsozialismus führte nach 1945 zu einer Verdrängung des Begriffs aus der zeitgenössischen Architektur. Dies vollzog sich als Prozeß und je nach Bauaufgabe mit unterschiedlicher Intensität, zumal die mit ihm verbundenen Inhalte zunächst noch einmal eine gewisse staats- und gesellschaftspolitische Relevanz erlangen konnten. Etwa Mitte der Fünfziger Jahre jedoch ließen das „Wirtschaftswunder" mit seiner Verabsolutierung der internationalen Modernität in allen Lebensbereichen und die Industrialisierung der Bauwirtschaft, die eine handwerkliche, gar auf lokale Traditionen Bezug nehmende Bauerstellung unvertretbar kostspielig machte, semantisch, ästhetisch und technisch dem als rückständig belächelbaren oder als faschistisch denunzierbaren Heimatbegriff keinen Raum mehr.
Natürlich brachte der Heimatschutz neben qualitätvollen auch viele banale Ergebnisse hervor - vielleicht sogar mehr als andere, da man ja ganz bewußt „banal" im Sinne eines unspektakulären, schlichten, durchschnittlichen Bauens tätig sein wollte. In Fragen der Anpassung an vorgegebene Situationen, nicht ausschließlich im formalen, sondern auch im abstrakten Sinne, mittels Material, Maß, Proportion, hatte er dabei durchaus tragfähige Antworten. Hieraus bezog die „Heimatschutzarchitektur“ lange Zeit ihre Stärke und Daseinsberechtigung gegenüber dem selbstbewußt gegen alle Tradition auftretenden Funktionalismus. Andererseits zwingen die unweigerlich mit ihr transportierten Inhalte, die untrennbar mit ihrer Entstehungszeit verbunden sind und bleiben werden, zu der Einsicht in die Zeitgebundenheit dieses Phänomens. Die „Revision der Moderne" hat ihre Erforschung zwar sicher befördert, jedoch mancherorts auch dazu verleitet, in ihr ein Vorbild zu sehen, an daß die „Reparaturgesellschaft" des ausgehenden 20. Jahrhunderts anknüpfen kann. Doch Befürworter eines solchen Vorgehens handeln dabei ebenso ahistorisch wie jene, die wie jüngst im „Berliner Architektenstreit" jede Äußerung zugunsten einer Neuen Einfachheit im Bauen als reaktionäre Wende denunzieren. Erstveröffentlichung: Rheinische Heimatpflege N.F. 34 (1997), S.288-296. Ausführlich zum Thema: Marco Kieser: Heimatschutzarchitektur im Wiederaufbau des Rheinlandes. (= Beiträge zur Heimatpflege im Rheinland; 4), Köln: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz 1998. - ISBN 3-88094-840-2 zurück zur ersten Seite Literaturverzeichnis zur Heimatschutzarchitektur |
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